ORFEO International – Neuheiten

Wichtige Neuerscheinungen kurz vorgestellt

Veröffentlichungszeitraum Oktober 2015 – April 2016

April 2016

ORFEO 1 CD C 914 161 A

Mendelssohn Symphonien 1 & 4

In C 914 161 A
C 914 161 A
einer Zeit ungebrochener Faszination von Gesamtaufnahmen insbesondere symphonischer Zyklen erscheint die Reihe der Mendelssohn-Symphonien angesichts ihrer Qualität und einer demgegenüber erstaunlichen Unbekanntheit ein überdurchschnittlich sinnvolles Projekt. ORFEO freut sich daher, eine neue Zusammenarbeit mit dem Irish Chamber Orchestra und seinem artistic director Jörg Widmann mit den Symphonien des großen und nach wie vor unterschätzten romantischen Komponisten zu beginnen.
Dass hierbei aus der Mehrfachbegabung von Jörg Widmann neben der des Instrumentalisten und Dirigenten Jörg Widmann
Jörg Widmann
Foto: Marco Borggreve
besonders auch die des Komponisten-„Kollegen“ einen hohen Reiz ausmacht, gilt bei einem wunderkindhaft früh mit eigenen Kompositionen hervorgetretenen Meister wie Mendelssohn natürlich umso mehr. Ist doch die von ihm bewußt als „Nr. 1“ veröffentlichte c-moll Symphonie einerseits das Werk eines Fünfzehnjährigen – und andrerseits schon sein dreizehnter Versuch in dieser Gattung, wenn man die zwölf Streichersinfonien mitzählt. Dessen in das Metier mit ungeheurem Elan und unnachgiebigem Fleiß eindringende Begabung konnte sich unter nahezu idealen Bedingungen im höchst kultivierten Milieu der Berliner Salons entfalten, bis hin zu musikalischen Praxis-Proben auch in Orchesterleitung. – Diese Herkunft aus der „großen Kammermusik“ der Streichersymphonien macht vielleicht auch den Interpretationsansatz mit einem Kammerorchester, und nicht vom schweren spätromantischen Orchesterapparat her, zusätzlich plausibel.
Zugleich ist es unabdingbarer Bestandteil von Jörg Widmanns Konzept für diese Einspielung, die jugend-Sergei Nakariakov
Sergei Nakariakov
Foto: Thierry Cohen
frischen Werke des zu seiner Zeit von den größten Komponisten sehr geschätzten, selber (nicht nur musik-)historisch höchst gebildeten und geschichtsbewussten Romantikers in all ihren Facetten in neuen Werken unserer Zeit aus seiner eigenen Feder zu spiegeln. In dieser ersten Folge gibt es nun passenderweise als solchen Brückenschlag nicht nur wie in einem Konzertprogramm das obligatorische Solokonzert, sondern ein Werk aus der gerade in der Romantik beliebten, von Komponisten wie Schumann und Weber bedienten (und in späteren Zeiten eher vernachlässigten) Gattung Konzertstück zu vernehmen. Darüber hinaus freut sich ORFEO, bei dieser Gelegenheit nicht nur einen herausragenden Solisten präsentieren zu dürfen, sondern wiederum eingebunden durch den künstlerischen Leiter des Ganzen, ein für diesen eigens geschriebenes Werk – Jörg Widmanns ad absurdum. Es bedarf vermutlich eines selber so meisterlichen (Blas-)Instrumentalisten und Komponisten wie Jörg Widmann, um die im wahrsten Sinn des Wortes atemberaubenden Fähigkeiten des singulären Virtuosen zu ermessen und auszuloten, der mit seinen die Grenzen seines Instruments wahrhaft transzendierenden technischen Möglichkeiten und seiner musikalischen Intelligenz und Feinheit im „traditionellen“ Repertoire schmetternd-festlicher Musik unausgelastet und fast verloren wirken könnte. Insbesondere kommt in Widmanns Konzertstück Nakariakovs Beherrschung der allenfalls gelegentlich auf der Oboe vorkommenden Zirkularatmung zum Zug. Es passt zum kreativ wachen Sinn von Jörg Widmann, diese singulären Möglichkeiten mit romantisch-gebrochener Ironie aufzugreifen und grotesk zu steigern bis an die Grenze der titelgebenden Absurdität – und bei aller gewohnt souveränen Beherrschung moderner Kompositionsmittel die Gelegenheit zu einem wirklich spannenden, ja schmissigen Stück nicht auszulassen.
Solcherart eingebunden in eine Gesamtsicht auf das Werk des quirligen Symphonikers und stimuliert durch Irish Chamber Orchestra
Irish Chamber Orchestra
Foto: Dave Hunt
eine moderne Extrem-Variante der in Mendelssohns Zeit aufgekommenen Konzertsaal-Virtuosität, findet auch die selber so anspringend virtuose sogenannte „Italienische“ hier einen anderen, ihrer würdigen programmatischen Rahmen, zugleich selbstverständlicher und anders staunenswert als sonst.



nach oben

März 2016

ORFEO 2 CD C 901 162 B

Knappertsbusch: Beethoven

Zur Sonderstellung der Wiener Philharmoniker – das muß man sich immer wieder vergegenwärtigen – gehört unter anderem, daß sie wegen ihrer Verfassung als autonomes Konzertorchester neben der Wiener Staatsoper immer ein ganz besonderes, in einigen Fällen besonders lang währendes, kontinuierliches und intensives Verhältnis zu den von ihnen gewählten Gastdirigenten ausbilden. Der 1888 in Elberfeld geborene Hans Knappertsbusch und das Orchester begegneten sich zuerst in Salzburg 1929 und gestalteten, neben unzähligen gemeinsamen Vorstellungen in der Wiener Staatsoper, bis zu seinem Tod 1964 nicht weniger als 210 Konzerte miteinander.

Der in seiner imponierenden äußeren Erscheinung eigen- C 901 162 B
C 901 162 B
und einzigartige Mann war einerseits anscheinend schroff öffentlichkeitsabstinent, schien sich dabei zugleich der deswegen umso größeren Bewunderung und Liebe des Publikums nicht ganz unbewusst; berüchtigt war er für regelrecht gewagt minimalistische Proben – und auch dafür – bis zu einem gewissen Punkt – umso mehr geliebt von den Orchestern; und nicht alle seiner diversen Kommentare über Musiker(innen), Kollegen und (moderne) Komponisten sind zitierfähig. Dabei verstand er es, innerhalb der für ihn typischen Beschränkung auf ein relativ kleines Repertoire die ihm besonders am Herz liegenden Meisterwerke in einer ihm über die Jahre zugewachsenen genial intuitiven Mischung aus ruhig-überlegener mentaler Disposition und einem hohen Maß an tief emotionaler Spontaneität und heftigem, manchmal jähem Ausdruck darzubieten.

Diese charakteristische Mischung wird verständlicherweise viel eher in seinen Konzert-mitschnitten als den von ihm nicht geschätzten Studio-Aufnahmen (nach-)erlebbar – insofern war er ein typischer Vertreter einer Generation, deren Musik-Machen sich nicht mit den Erfordernissen späterer Studio-Perfektion in Deckung bringen ließ (geschweige denn sich mehr oder weniger unbewusst diesen schon vorab anpasste). Legendär ist der „Probelauf“ je einer Aufnahme eines Walküre-Aufzugs der Plattenfirma Decca mit ihm und dem jungen Solti für die geplante Ring-Gesamtaufnahme – mit dem bekannten Ergebnis.

Wie bei einigen späteren Kollegen ist der Beethoven-Zugriff dieses vor allem für seine deutschen, noch „schwereren“ Spätromantiker berühmten Dirigenten noch einmal ein Sonderfall innerhalb des Sonderfalls. Die hochgradige Unvorhersehbarkeit– auch insofern ist er ein völliger Antipode des großen Kollegen und Konkurrenten Karajan – gibt seinen Interpretationen in den besten Momenten etwas von Nachschöpfung im wörtlichen Sinn, einem Erklingen „wie beim ersten Mal“, und wohl auch dadurch etwas so Starkes, Erfrischendes, Befreiendes – von jeder Art bequemer Hörkonvention – und heute, im Nachhinein, auch neu hinzugekommener Moden und Zwänge. Immer wird dem ausdrucksvollen Detail seine Zeit gegeben wie dadurch dem Gesamtzusammen-hang; niemals wird man ein mit noch so viel vermeintlicher Informiertheit begründetes gehetztes Tempo vernehmen; aber eben auch keinen „titanischen“ Ausdruck (was auch immer das sein soll). Dabei wirkt das Ganze immer wieder – so charakteristisch verschieden die Knappertsbusch’schen Interpretationen desselben Werkes auch ausfallen können – auf einer höheren Ebene auf jeweils eigene Weise ausbalanciert und in sich stimmig. Kurzum: die Wesenszüge Knappertsbusch’schen Musizierens treten bei Beethoven, in dessen so rational-konstruktiven wie fantasievoll frei in neue Bereiche ausschweifendem Komponieren besonders anregend hervor.

Auf der neuen Doppel-CD ist sowohl ein vollständiges Konzert aus dem Musikverein vom 17. Januar 1954 mit Coriolan-Ouvertüre, viertem Klavierkonzert und siebter Symphonie zu hören, als auch aus einem Konzert ebenda vom 17. Februar 1962 die dritte Symphonie. Beim unheroischen G-dur-Klavierkonzert ist Knappertsbuschs Partner der für seinen Beethoven berühmte Generationskollege Backhaus, der mit der ihm eigenen „Sachlichkeit“ und seiner legendären Virtuosität zwei Klischees über „typisch deutsche“ Musiker zugleich widerlegt. Der bewährte Beihefttext-Verfasser Gottfried Kraus weiß bei dieser Gelegenheit sogar noch von einem Besuch in Backhaus’ Salzburger Domizil zu berichten, bei dem dieser von seinem lebenslangen Ringen um die heiklen lyrischen Eingangs-Akkorde sprach... Im dritten Satz werden wir auch von ihm noch mit einer unbekannten Kadenz aus Hörgewohnheiten gerissen und sodann verdutzt in das alte, neue Stück zurückgeworfen – so verschieden können von großen Interpreten die großen Werke gespielt werden, die eben viel größer sind als jede mögliche einzelne Deutung.



nach oben

Februar 2016

ORFEO 2 CD C 907 162 I

Giuseppe Verdi: Un ballo in maschera

Luciano Pavarottis Repertoire bestand aus nur wenigen Partien, in denen er allerdings immer wieder Interpretations- und Schallplattengeschichte geschrieben hat. C 907 162 I
C 907 162 I
So 1970 als Nemorino (L’elisir d’amore) an der Seite von Joan Sutherland oder 1972 als Rodolfo (La Bohème) unter Karajan – mit Mirella Freni als Mimí. Doch während bei seinem Riccardo in Verdis Un ballo in maschera in der Studioaufnahme von 1983 auch dank Georg Solti der Oberflächenglanz im Vordergrund steht, singt Pavarotti im Livemitschnitt anlässlich der Fernseh-Liveübertragung drei Jahre später unter Claudio Abbado auf der Bühne der Wiener Staatsoper mit einer musikdramatischen Unmittelbarkeit, die vom ersten Amici mei bis hin zur berührenden Sterbeszene neben viel Strahlkraft auch viele Zwischentöne hören lässt.

Schon der 27-Jährige hatte 1963 in Wien debütiert und sang später in 50 Vorstellungen von Nemorino bis Cavaradossi wichtige Marksteine seines Repertoires. Was nicht zuletzt bei Pavarotti immer wieder verblüfft, ist sein so unverwechselbar schönes, strahlendes Timbre, das sogar den (nicht nur) in seinem Fall sonst so kritischen Sängerpapst Jürgen Kesting verführt, sein Pavarotti-Kapitel in Die großen Sänger mit Singendes Erotikon zu überschreiben. Nach der berühmten Canzona Di‘ tu se fedele il flutto m’aspetta im ersten Akt dieses Mitschnitts jedenfalls explodierte zum ersten – und nicht letzten - Mal das Publikum der Wiener Staatsoper zu Recht in einem Beifallssturm.

Als Amelia war bei der Premiere - wie in der Studioaufnahme mit Pavarotti unter Solti - Margaret Price zu erleben. Die zweite Vorstellung musste schon die damals erst 25-jährige Gabriele Lechner als Einspringerin übernehmen – und tat das nicht nur mit überwältigender, flammender Jugendfrische, sondern auch erstaunlicher Leucht- und Überzeugungskraft, gerade weil man manchmal die verständliche Nervosität spürt. Man höre nur den Anfang des zweiten Akts, wenn Amelia in nächtlicher Einsamkeit angsterfüllt den geliebten Riccardo erwartet – und ihn schließlich trifft: so wahrhaftig ist das selten zu erleben. Aber auch die russische Mezzosopranistin Ludmila Schemtschuk als Wahrsagerin Ulrica betört durch Leidenschaft und profunde Tiefe.

Dem Wiener Publikum seit Jahrzehnten bestens bekannt war Piero Cappuccilli. Auch er ist unverwechselbar in seinem Timbre und seiner musikalischen Gestaltung. Wie viele berühmte Verdi-Baritone ist er zwar nicht frei von Eitelkeit, was aber seiner Verkörperung des eifersüchtigen Gatten von Amelia und Freundes von Riccardo keinen Abbruch tut.

Claudio Abbado war seit Herbst 1986 neuer Musikdirektor des Hauses, an dem er zwei Jahre zuvor mit großem Erfolg debütiert hatte. In den Jahren bis 1991 prägte er das musikalische Geschehen der Wiener Staatsoper, zum Teil im Haus am Ring, zum Teil bei Koproduktionen am Theater an der Wien, aber auch auf Gastspielen der Staatsoper. Wie immer – und nicht nur bei Verdi – überzeugt auch hier sein Beharren auf schlankem, sehnig-gespanntem Musizieren (der Wiener Philharmoniker), das ganz im Dienste des musikalischen Dramas steht und den Sängern stets ein inspirierter Begleiter ist.



nach oben

Januar 2016

ORFEO 1 CD C 898 151 A

Franz Schubert • 8 Impromptus • Amir Katz

Wenn der C 898 151 A
C 898 151 A
Pianist Amir Katz sich an die wohl populärste Werkgruppe von Schuberts Klavierwerken macht, kann er auf einen beachtlichen Erfahrungsschatz mit Schuberts Musik zurückgreifen. Der 1. Preisträger des bewußt auf einen interpretatorisch, nicht nur technisch beeindruckenden Ansatz abzielenden Dortmunder Schubert-Wettbewerbs, dessen Debüt-CD beim Label Sony zwei Schubert-Sonaten enthielt, hat sich immer wieder auch auf dem Konzertpodium große Aufgaben gestellt, und zwar auch technisch herausfordernde – zuletzt etwa die 24 Chopin-Etüden. Der in Israel geborene, in Berlin lebende Pianist hat sich – und das Publikum – mit den Werkgruppen, die er bei verschiedenen Labeln aufgenommen hat, auch immer wieder der eigentlichen Prüfung des Konzertpodiums unterzogen, so im Münchner Gasteig mit dem Gesamtzyklus aller 48 Lieder ohne Worte von Mendelssohn an einem Abend, oder am gleichen Ort an vier Abenden den Schubert-Sonaten. Wer ihn dabei erlebt hat, weiß, daß der Künstler im Konzert sehr nahe bei der Stringenz seiner Studioaufnahmen ist, und bei diesen umgekehrt ebenso frei wie vor Publikum, Qualitäten, die sich den Hörern gleichermaßen mitteilen und sie dem Künstler in seiner unmittelbar glaubwürdigen Ernsthaftigkeit bei seinen anspruchsvollen Projekten bereitwillig folgen lassen.
In seinem pianistischen Lebenslauf macht nicht so sehr der frühe Beginn des Klavierspielens staunen, sondern umgekehrt vielmehr ein erstaunlich später – mit 11 Jahren bekam Amir Katz den ersten Klavierunterricht, aber schon mit 15 Jahren spielte er öffentlich mit dem Symphonieorchster Haifa und dem israelischen Kammerorchester. Amir Katz
Amir Katz
Foto: Neva Navaee
Der künstlerische Lebensweg, den sich jemand mit solchen Vorgaben bahnt, verläuft vielleicht auch deswegen anders, führt auch zu einem anderen Verhältnis zum Repertoire. Nicht bei vielen jungen Künstlern, insbesondere nicht bei einem Instrument wie dem Klavier mit seinem riesigen Repertoire von erstrangiger Literatur, hat man heute überhaupt noch das Gefühl – wie es früher einmal durchaus häufig vorkam – dass sich eine oder einer überhaupt inständig, tiefergehend durchdacht und mit Herzblut, einen bestimmten Teil des Repertoires engagiert aneignet, zur eigenen Sache macht, etwas ihr oder ihm selbst Wichtiges zu einem bestimmten Komponisten zu sagen hat. Bei Amir Katz ist das anders. Ihm glaubt man, merkt man an und vor allem: seinem Spiel hört man die ernste, breit aufgestellte Beschäftigung mit seinen Herzensanliegen an, die dabei aber auch stets undogmatisch, intelligent und neugierig offen und durchaus auch selbstkritisch und der Ironie fähig bleibt.
Eine solche eigene Sache ist für Amir Katz sicherlich an vorderster Stelle Schubert. Natürlich ist es nur folgerichtig für einen Pianisten, auf den Spuren vieler gerade der großen Schubert-Spieler der Vergangenheit, auch in die Welt von dessen Liedern einzudringen. Neben viel gemischter Kammermusik auch von Schubert, die Amir Katz gerne und oft in Konzerten spielt (etwa beim Jerusalem Kammermusikfest von Elena Bashkirova) ist es doch insbesondere die enge Zusammenarbeit mit dem Tenor Pavol Breslik, die zu einer intensiven aktiven Beschäftigung mit dem Kosmos des Schubert’schen Liedschaffens geführt hat, in herausgehobenen Konzerten (etwa bei den den Münchner Opernfestspielen), aber auch auf der ersten, inzwischen hochgelobten gemeinsamen CD der beiden Künstler mit der „Schönen Müllerin“ (ORFEO C 737 151). Für ORFEO ist es nur folgerichtig, im Anschluss daran die 8 Impromptus von Schubert des Pianisten zu veröffentlichen. Auch, wenn man seinen Schubert-Zyklus nicht im Konzert gehört hat – dem der CD beiliegenden Interview – und auch schon dem in der vorangehenden Lied-CD – ist diese tiefe Vertrautheit mit der Welt Schuberts anzumerken, die von weiterreichenden allgemeinen Fragen bis zu ganz konkreten pianistischen Anwendungen auch aus der Lied-Erfahrung reicht.



nach oben

Januar 2016

ORFEO 1 CD C 897 151 A

Klarinettenkonzerte • Jörg Widman

WC 897 151 A
C 897 151 A
enn von dem Klarinettisten Jörg Widmann seine erste Aufnahme des Mozart-Konzerts erscheint, ist das durchaus in einem anderen Sinn etwas Besonderes als es auf dem Musikmarkt angesichts dieses herausragend bedeutenden, sehr oft gespielten und auch oft aufgenommenen Stücks zu erwarten wäre. ORFEO ist stolz, Widmanns erste CD-Einspielung dieses Stückes präsentieren zu können, als Auftakt zu weiteren Projekten. Natürlich hat auch Widmann Mozarts Klarinettenkonzert schon sehr oft gespielt, in unterschiedlichsten Kombinationen von Dirigenten, Orchestern und auch Programmen. Erst nachdem er eine Übersicht über beträchtliche eigene Erfahrungen mit dem Werk gewonnen hat, kam für ihn die Entscheidung für eine zu veröffentlichende Version infrage – es standen für die Veröffent-lichung mehrere durchaus verschiedene Aufnahmen zur Debatte. Jörg Widmann
Jörg Widmann
Foto: Marco Borggreve
Widmann entschied sich bewusst für einen unkorrigierten Mitschnitt eines Konzertes aus der Berliner Philharmonie mit seinem Komponisten-Dirigenten-Kollegen Ruzicka am Dirigierpult – das Weber-Konzert dagegen wurde im Studio an der Nalepastraße aufgenommen, und auch sein eigenes Werk im Studio. Jedenfalls ist seinen Äußerungen im Beihefttext und vor allem seiner Aufnahme eine „fortgeschrittene“, in vieler praktischer Erfahrung auf dem Konzertpodium erworbene Sensibilität für die besonderen Subtilitäten, die verborgenen Qualitäten dieses späten Mozart-Werkes anzumerken. Wenn es fast absurd ist, das wenige Wochen vor Mozarts Tod fertiggestellte „Spätwerk“ sich als das eines 35-Jährigen bewusst zu machen, so ist diese erste Aufnahme für einen so arrivierten 42-jährigen Solisten heutzutage durchaus auch spät. Jörg Widmann
Jörg Widmann
Foto: Marco Borggreve
Und natürlich spielen bei dieser langen Dauer nicht nur die notorisch fast überbordend vielseitigen Aktivitäten des Musikers Widmann eine Rolle, sondern insbesondere auch sein Komponistentum. Gerade ein so durch eigenes Komponieren – das ebenfalls schon früh begann, als Versuch, die eigenen Improvisationen auf der Klarinette festzuhalten – und auch als engagierter Interpret moderner Musik von Kollegen geschulter und reflektierter Kenner der musikalischen Moderne wird einen tieferen Blick für die kompositionstechnischen Qualitäten eines scheinbar so auch für mozartische Verhältnisse besonders „mozartisch einfachen“ und kompositorischer „Modernität“ wenig verdächtigen Werkes haben. Diesen tieferen Blick durch gewisse musikhistorische Klischees hindurch könnte man in gewisser Weise zumindest indirekt in der Interpretation wirken hören. Auf jeden Fall macht einem der hohe Respekt für Mozarts Kunst, der aus den Beihefttext-Äußerungen spricht, Entdeckerlust, diese hohe Kunstfertigkeit kompositorischen „understatements“ hörend mitzuentdecken. Von ähnlicher „kollegialer“ Einfühlung ist sodann auch Widmanns Wahl und Begründung derselben (in seinem schönen eigenen Text) für die Wahl des Klarinettenkonzerts von Mozarts im wörtlichen und übertragenen Sinn Verwandten Weber bestimmt , die er als eine der wenigen plausiblen Kombinationsmöglichkeiten auch interpretatorisch überzeugend rechtfertigt. Und schließlich fügt er seinen eigenen kompositorischen Solo-Beitrag fast schlafwandlerisch in einen „Beziehungsraum“ zwischen die beiden Stücke ein – fast wie eine Kadenz zwischen beiden – wobei er im wiedergegebenen Gespräch darauf hinweist, dass er die im Mozart-Klarinettenkonzert fehlende Kadenz – so etwas überhört der unreflektiertere Hörer in seinem Trott leider leicht – selbstverständlich, trotz konkreter Anfragen, niemals schreiben würde.



nach oben

Oktober 2015

ORFEO 3 CD C 900 153 D

Richard Wagner - Lohengrin

Überraschende Wagner-Premiere von Knappertsbusch

Dieses ist eigentlich der Glücksfall, von dem Sammler und Produzenten träumen: nicht nur das Auftauchen einer bisher unbekannten bzw. nicht veröffentlichten Aufführung der x-ten Aufnahme desselben Werkes eines gefragten Interpreten, C 900 153 D
C 900 153 D
sondern die Erstveröffentlichung einer echten Repertoire-Premiere dieses Künstlers. Gerade bei den größten Interpreten und insbesondere der Wagner-Werke gehört das Gefühl der schmerzlichen Lücke sozusagen fest zum Bild – kein Parsifal von Furtwängler (obwohl er ihn nach dem Krieg an der Scala dirigierte) und auch keine frühen Wagner-Opern von diesem Knappertsbusch Rivalen, aber bei beiden sehnsüchtig machende Ausschnitte der fehlenden Gesamtaufnahmen. Natürlich wusste man, wissen die Kenner, dass die Wagner-Koryphäe Knappertsbusch nicht nur immer wieder die schweren Spätwerke dirigierte (soeben erschienen auf diesem Label im obigen Sinn die Meistersinger von 1960 aus Bayreuth), sondern auch den Holländer, und daneben einem Faible für Werke der leichteren Muse wie Komzák oder Lortzing frönte. Aber wer hätte geahnt, daß er den Lohengrin in München nach dem Krieg nicht nur 16 Mal dirigierte, sondern davon auch eine Aufnahme existiert? Nach den lustigen Weibern von Windsor ist diese somit die zweite Erstveröffentlichung, die sich ORFEO freut präsentieren zu können, beide entstammen der Prinzregententheater-Periode, der Lohengrin kurz vor der Wiedereröffnung des Nationaltheaters 1963. Es mag ein wenig Stolz der Wagner-Stadt München mitschwingen, daß der Elberfelder Wahl-Münchner den Lohengrin hier, aber nie in Bayreuth dirigierte.

Eine Aufnahmen-Premiere ist die Veröffentlichung auch für den Titelhelden Hans Hopf, von dem bisher kein Klangdokument der Rolle existierte. Ihm steht gegenüber bzw. zur Seite das hochdramatische Paar der gewaltigen, für die Ortrud prädestinierten Astrid Varnay und der 35-jährigen Wagner-Größe Ingrid Bjoner – von ihr ist dies die einzige vollständig dokumentierte Wagner-Partie aus München, obwohl sie hier jahrelang zum Ensemble gehörte (und dies so souverän, daß sie noch 1986 in Bayreuth als Isolde einsprang). Neben Kurt Böhme als König Heinrich sticht des Weiteren als bezeichnend für die damalige Ensemblequalität der mit Josef Metternich geradezu luxuriös besetzte Heerufer heraus.

Der Aufnahme liegt keine Rundfunkübertragung zugrunde, sondern sie entstammt dem Archiv des stellvertretenden Intendanten der Bayerischen Staatsoper jener Zeit, Herbert List, und wurde mit heutigen technischen Möglichkeiten sorgfältig aufgearbeitet.

Bereichert wird die Edition nicht zuletzt durch einen anregenden Text über die damalige Münchner Musikszene. Sogar mit dem damals mitwirkenden Telramund Hans Günter Nöcker wurde Kontakt aufgenommen. Die Opernwelt jener Jahre wird lebendig vor Augen geführt, sowohl hinsichtlich der musikalischen Leistung, als auch in der Art und Weise, wie die besprochene Produktion geschickt in den schillernd abweichenden Meinungen der damals maßgeblichen Kritiker hervortreten gelassen wird.

nach oben