ORFEO International – Neuheiten

Wichtige Neuerscheinungen kurz vorgestellt

Veröffentlichungszeitraum August 2017 – Februar 2018

Februar 2018

ORFEO 2 CD C 930 182 I

Gottfried von Einem: Der Besuch der alten Dame

Aus dem tiefsten 20. Jahrhundert stammt die hier vertonte „tragische Komödie“ eines Dichters, der befand, daß „eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat“, und für sein dramatisches Schaffen die Konsequenz zog, daß nur noch Komödien möglich seien. C 930 182 I
C 930 182 I
Die nette Einfachheit der Sprache, die unterhaltsame, scheinbare Harmlosigkeit der Handlung, wie sie sich in den comic-haften Namen einiger Protagonisten zu manifestieren scheint: Toby, Roby, Koby und Loby, kontrastiert auf’s Schärfste mit der beispiellosen Härte der hier erdachten und umgesetzten Konstellation – nämlich einem völlig unmäßigen, archaischen Rachefeldzug einer Frau. – Da paßt es, daß auch der heuer vor 100 Jahren geborene Komponist so wenig wie sein Librettist für eine sich selbst todernst nehmende, möglichst sperrige Avantgarde standen. Das Abgründige des gnadenlosen Geschehens wird hier vielmehr durch die klar fassliche, nicht ununterhaltsame Machart betont. – Die Uraufführung an der Wiener Staatsoper im Jahr 1971 geriet zu einem beispiellosen Erfolg, der laut Presseberichten den beliebter Repertoireopernpremieren der Vorjahre in den Schatten stellte, so daß die Produktion 39 Mal gezeigt wurde. Dazu trugen sicherlich die in der Otto Schenk-Inszenierung mitwirkenden Kräfte entscheidend bei: neben dem Wiener Staatsopernorchester unter Horst Stein ein erstklassiges Ensemble mit Hans Hotter als Lehrer, Eberhard Wächter als beklagenswertem Alfred Ill, vor allem der herausragenden Christa Ludwig als reichste Frau der Welt, Claire Zachanassian. Ist dieser Name laut Dürenmatt zusammengezogen aus Zacharoff, Onassis und Gulbenkian, kann man von der Jubilarin sagen, daß sie reich wie niemand sonst Qualitäten mehrerer Spitzensängerinnen in sich vereint. Die in diesem Jahr ihren 90. Geburtstag begehende Künstlerin steuert im Beihefttext Erinnerungen an die Produktion bei, die ein weiteres Beispiel der Größe ihrer künstlerischen Persönlichkeit abgibt.



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Januar 2018

ORFEO 2 CD C 918 182 I

Mozart, Così fan tutte

Beethoven war empört

Skandalös war das auch in seiner opera buffa-Gestalt gnadenlos desaströse Partnertausch-Experiment in „Cosi fan tutte“ für das ganze 19. Jahrhundert von Beethoven bis Wagner so sehr, daß man die dargestellte Frivolität fast verzweifelt unter allen möglichen entschärfenden Bearbeitungen zu verstecken versuchte. C 918 182 I
C 918 182 I
Erst Hermann Levi und Richard Strauss stellten für München die originale Gestalt mit auskomponierten Rezitativen statt gesprochenen Dialogen wieder her. Doch höchst erstaunlicherweise erklang dieses absolute Meisterwerk auch danach erst mit dieser Produktion in den 1970er Jahren in München erstmals in Originalsprache – wo doch bei einem Großmeister der musikalisch so subtilen wie reaktionsschnellen Wortausdeutung alles andere ein Sakrileg ist!
Jedenfalls zeigt das akustische Dokument ein fast überschießend intensives Musiktheaterereignis. Der damalige musikalische Chef erweist sich einem ersten Haus und seiner Geschichte gemäß einmal mehr nicht nur als souveräner Wagner- und Strauss-Dirigent, sondern wie schon beim zuletzt veröffentlichten Don Giovanni aus denselben Jahren (Orfeo C846153) als höchst kompetenter Mozart-Interpret. Die über seine Abgründe hinaus das Stück zu einer Krönung von Mozarts Opern-Schaffen erhebenden Ensemble-Qualitäten des Werkes werden dramatisch atemberaubend vital-vielfältig herausgearbeitet – und dies nicht zuletzt aufgrund der aufsummierten sensationellen Einzelqualitäten der Protagonisten. Diese wurden auch vom Maestro selbst so hoch eingeschätzt, daß damit die Verlegung aus dem sonst üblichen Cuvilliés-Theater – wo 1795 die erste Münchner Produktion stattgefunden hatte – in das Nationaltheater zu rechtfertigen war: „Mit Solisten, wie wir sie haben, kann man das große Haus füllen.“



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Januar 2018

ORFEO 1 CD C 929 181 A

von Einem, Philadelphia Symphony

Je länger die Moderne dauert, je älter die „Neue Musik“ wird, umso vielgestaltiger stellt sie sich dar. Bei näherem Hinhören zeigen sich schon früh sehr viele Nebenwege neben den scheinbaren Hauptströmungen, und einer, der solche eigenen Wege mit viel Beachtung gegangen ist, ist Gottfried von Einem. C 929 181 A
C 929 181 A
Seit seinem Durchbruch mit der Uraufführung seiner Oper Dantons Tod bei den Salzburger Festspielen 1947 wurden bis zu seinem Tod 1996 viele seiner Werke im internationalen Musikleben präsentiert, wovon auf diesem Label Aufnahmen mit Interpreten wie Böhm, Karajan oder George Szell zeugen. Für das Fortwirken eines Komponisten sind aber bekanntlich nicht nur möglichst glanzvolle Uraufführungen wichtig, und so freut sich Orfeo, neben anderen Neuaufnahmen in seinem Katalog zum 100. Geburtstag des 1918 geboren Komponisten eine Neuproduktion mit besten Kräften unserer Zeit zu präsentieren.
Das früheste Werk darunter ist das Chorwerk mit Orchester Stundenlied, das einer auch kulturgeschichtlich höchst interessanten Konstellation entstammt, nämlich einer Zusammenarbeit mit dem in Ostdeutschland residierenden Bertolt Brecht ab 1949. In volkstümlich-naivem Tonfall wird hier das Passionsgeschichte als grausames Geschehen bezeugt und reflektiert, und von von Einem kongenial mit der gebotenen Einfachheit und Strenge kompositorisch umgesetzt, eindringlich und mit Autorität interpretiert hier von Wiener Singverein und Philharmonikern unter Welser-Möst.

Von ganz anderer Faktur ist die – schon im Titel spannungsvolle – Geistliche Sonate für Sopran, Trompete und Orgel aus den Jahren 1962 bis 1973, in der der Komponist kontrapunktische Konzentration der Linienführung mit spannungsvoller Expressivität vereint. Ein Plädoyer für diese Musik könnte nicht wirkungsvoller sein als hier durch die ausdrucksvolle Sängerin, die „moderne“ baltische Konzertorganistin und den phänomenalen Trompeten-Weltstar.

Schließlich erklingt das nach seinem ursprünglich geplanten Uraufführungs- und Kompositionsauftragsort Philadelphia Symphonie genannte Werk, das nach einigen Mißklängen daselbst jedoch 1961 im Wiener Musikvereinssaal mit den dortigen Philharmonikern unter Solti uraufgeführt wurde – auf dem „Remake“ abermals ebenda zu hören unter dem amerika-erprobten Franz Welser-Möst. Das in den Dimensionen einer dreisätzigen Haydn-Symphonie konzipierte Stück weiß durch moderat modernen Einfallsreichtum für sich einzunehmen und legt den Gedanken nahe, daß inzwischen auch die Postmoderne eine längere Geschichte hat.



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November 2017

ORFEO 1 CD C 937 171 B

Nina Stemme - Wagner

Bis heute ist nicht restlos geklärt, warum gerade Skandinavien, insbesondere Schweden, so viele große Wagner-Sängerinnen hervorgebracht hat: C 937 171 B
C 937 171 B
Neben der Norwegerin Kirsten Flagstad etwa die Schwedinnen Birgit Nilsson, Catarina Ligendza, Katarina Dalayman und Nina Stemme. Letztere gehört heute zur raren Spezies hochdramatischer Sopranistinnen, die ein leuchtend sinnlich strahlendes Organ gleichermaßen besitzen wie Intelligenz der Gestaltung und große Bühnenpräsenz. Ihre großen Wagner-Partien hat Nina Stemme nicht zuletzt an der Wiener Staatsoper gesungen: Senta, Sieglinde, die drei Brünnhilden im „Ring des Nibelungen“ und Isolde – zumeist in Aufführungen, die Franz Welser-Möst dirigierte.

An den verschiedensten Häusern zwischen Bayreuth, Zürich und Wien war und ist Nina Stemme DIE Isolde. Zwei Ausschnitte einer Aufführung vom 13. Juni 2013 zeigen zum einen die stolze, tiefe verletzte irische Prinzessin im Dialog aus dem ersten Aufzug mit der Brangäne von Janina Baechle, zum anderen die bereits der Welt abgewandte Liebende im schwebend exstatischen „Mild und leise wie er lächelt“.

Bei Orfeo ist der komplette erste Aufzug der „Walküre“ in einer Aufführung vom 2. Dezember 2007 mit Nina Stemme, Johan Botha und Ain Anger bereits erschienen. Nun kann man die zentrale Szene Siegmund-Sieglinde aus dem 2. Aufzug nachhören: An der Seite des charismatischen, so früh verstorbenen Heldentenors ist Stemme als Sieglinde eine von Leidenschaft aufgewühlte Frau, der die – erotische – Befreiung zugleich Seligkeit verschafft und panische Angst um den geliebten Zwilligsbruder.

Etwas von dieser Ambivalenz besitzt auch ihre Senta: Das Wiener Debüt der Wagner-Sängerin Stemme fand am 5. Dezember 2003 unter Leitung von Seiji Ozawa statt: Die Ballade atmet eine gefährliche Jungmädchen-Schwärmerei, während im Duett mit dem Holländer von Falk Struckmann lange verdeckt gehaltene Gefühle aufbrechen.

Kern der Wagner-CD mit Nina Stemme ist die gut halbsstündige Schlussszene des „Siegfried“ in einem Mitschnitt vom 27. April 2008. Die gerade vom Titelhelden (Stephen Gould) erweckte Brünnhilde erlebt die verschiedensten Stufen des erotischen Erwachens, hin- und hergerissen zwischen den Erinnerungen und Gefühlen einer weisen Wotanstochter, dem jungen, unbedarften, ganz seinen Trieben lebenden jungen Mann, der sie körperlich und seelisch bedrängt, und den in ihr aufkeimenden Empfindungen einer jungen Liebenden. Stemme findet dafür verschiedenste Klangfarben und Ausdrucksnuancen: Vom geblendeten „Heil Dir Sonne“ über das verhaltene „Ewig war ich, ewig bin ich“ und die Anrufung des „herrlichen Knaben“ bis hin zum strahlend-fatalistischen „Leuchtende Liebe, lachender Tod!“



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Oktober 2017

ORFEO 1 CD C 920 171 A

#CELLOREIMAGINED

Zwei neue Cellokonzerte aus einem Generationendreieck

Der auch in der Programmwahl lebhafte und neugierige Musiker stellt auf seiner neuen Aufnahme drei Komponisten zu einem auf seinem Instrument faszinierend erlebbaren musikalischen Beziehungsdreieck zusammen, das er durch Übertragungen erst ermöglicht. Dabei steht die leichte Zugänglichkeit und gute Hörbarkeit in reizvollem Kontrast zu ihrer gar nicht leichten Spielbarkeit.
Reizvoll ist schon die Verschränkung und C 920 171 A
C 920 171 A
Überlagerung der Generationenfolge: der 1714 geborene Sohn Johann Sebastian Bachs, vielleicht größter Komponist seiner Generation; der 1732 geborene Gründervater der eigentlichen Klassik und Schöpfer zentraler Gattungen; schließlich das 1756 geborene Wunder. Aber diese Anordnung wird fast absurd über den Haufen geworfen durch die Todesdaten: Mozart stirbt 1791 drei Jahre nach Carl Philipp Emanuel, und wird überlebt von Joseph Haydn um fast 18 Jahre.
Der Bach-Sohn kreierte das Klavierkonzert als Gattung entscheidend mit und arbeitete von diesen drei für Flöte und – technisch entsprechend fordernd – für Violoncello um – eines davon erklingt hier. Haydn wiederum schuf bekanntermaßen als erster und leider auch einziger der großen „Wiener Klassiker“ Cellokonzerte, die Daniel Müller-Schott natürlich oft spielt und auch aufgenommen hat (C080031). Aber außerdem schrieb er Klavier- und Violinkonzerte, von denen eines hier in Cellofassung erklingt, technisch wiederum entsprechend herausfordernd. Von dem frühen Vollender der Gattung Klavierkonzert schließlich gibt es leider kein Cellokonzert, aber Daniel Müller-Schott unternimmt es in der Tradition von Emanuel Feuermann, das von Mozart selbst später für Flöte übertragene Oboenkonzert auf dem Cello zu interpretieren. Und hier wird in überwältigender Weise das Mozart-typische Überschreiten der Gattungsgrenzen im Solokonzert erlebbar: mit konkret vorstellbaren Opernauftritten und vielem mehr, so kunstvoll gemacht und dargeboten, daß man im besten Sinne gar nicht mehr an das spielende Instrument denkt, geschweige denn das ursprünglich gemeinte.
Im übrigen gelingt das Experiment der Repertoire-Erweiterung durch Übertragung hier sicherlich nicht zuletzt wegen der Kompetenz und wachen, ansteckenden Musikalität der L’Arte del mondo unter Werner Erhardt, die in dieser Musik fühlbar zu Hause sind.



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Oktober 2017

ORFEO 3 CD C 850 113 D

Richard Wagner - Lohengrin

In the year of the premiere of Wolfgang Wagner’s second Lohengrin the eponymous hero found himself in a tight spot. At the end of the 1950s Sandor Kónya had taken the scepter in Bayreuth from Wolfgang Windgassen as the principal Knight of the Swan; C 850 113 D
C 850 113 D
at the height of his career in 1959, Kónya featured on a recording opposite Elisabeth Grümmer as Elsa (Orfeo C 691063). On the evening of the 1967 premiere of the new version however, the Hungarian tenor was gravely indisposed. No fewer than four tenors then stepped into the breach to sing his part. The first of them, James King, promptly sang his way to gaining “first night rights” for the following year. In 1968, however, Rudolf Kempe was no longer on the rostrum, though he was key to the success of the live recording of the second performance in 1967, which is now available on the Orfeo label (C 850113). Seven years earlier Kempe, with his sound instinctive feeling for music drama, had already plumbed the “mystic abyss” and conducted the entire Ring cycle. Yet his striving for continuous musical transparency resulted in an ever stronger degree of refinement. The 1967 Lohengrin may undoubtedly be viewed as the crowning glory of this development.

James King (1925-2005) stood at that time on the cusp of his Bayreuth career, which had begun one year earlier with the role of Siegmund. He had already sung Lohengrin at the Deutsche Oper in Berlin, which was for many years one of his regular venues. Anyone who is familiar with the baritone origins of the tenor from Kansas, USA, may well be surprised at the tremendous dynamic grading in the suspended high registers through to the sonorous piano passages that he was capable of at his Bayreuth debut in the role of the Knight of the Swan. He kept that role in his repertoire for more than a quarter of a century, singing it right up to the end of his career at new venues – a feat which places James King in the hand-picked league of tenors capable of singing the overtly dramatic roles of their fach with a lean, “Italian” timbre.

The Elsa at James King’s side in this case was Irish-born Heather Harper, who went on to become famous for her performances and premieres of works by Benjamin Britten. With her superlative, highly-spun lyrical phrasing and many nuances her “foray” into the realms of Wagner is a pure listening pleasure. Even the challenging breadth of the role of Elsa did not apparently entice Heather Harper for one moment to force her voice. And how often does one hear, even in the dramatic turn of events in the nuptial chamber, such poignant vocal intensification delivered with such simplicity?

The performer whose Bayreuth career would enjoy an even longer term was yet another singer from the Commonwealth in this cast of Lohengrin: Sir Donald McIntyre was brilliant as Telramund with heroic baritone command, and so his continued success at Bayreuth in roles like Dutchman, Amfortas, Klingsor, Kurwenal and Wotan/Wanderer was hardly surprising in retrospect.

Grace Hoffman (1921-2008) as Ortrud was able to look back at a comparable number of roles at Bayreuth to Sir Donald McIntyre; indeed, her many acclaimed roles from 1957 onwards at the Festspielhaus would include Brangäne, Fricka and Waltraute. Such a role call doubtless serves as proof that Ortrud’s highly dramatic arias can certainly be accomplished by a truly dramatic mezzo-soprano providing that, as in the case of Grace Hoffman, the technical prerequisites are in place. The last of the soloists at that performance were Thomas Tipton as an elegant King’s Herald; the reason for his reputation as the leading gentleman baritone of the Bavarian State Opera in those days is audible here (and he also played Wolfram in Bayreuth in 1967); and the “outsider” so to speak, in the midst of these English-speaking singers who nevertheless sang in perfect German: Karl Ridderbusch (1932-1997) with his truly balmy bass as King Heinrich. He too was giving his Bayreuth debut that year, and he was to give innumerable performances over the years as Daland, Fasolt, Hunding, Titurel, Marke, Pogner and ultimately in the very contrasting roles of Hagen and Hans Sachs.



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September 2017

Salzburger Festspieldokumente 2017

Je weiter die Zeit fortschreitet, umso weiter reicht die Zeitspanne zurück, aus der Aufnahmen existieren. Sehr früh verbanden sich die seit 1920 stattfindenden Salzburger Festspiele mit dem neuen Medium Rundfunk – „Festspielgeschichte ist Rundfunkgeschichte“, so Gottfried Kraus. Schon 1925 wurde ein kompletter Don Juan (von Mozart) unter Karl Muck übertragen, in den nächsten Jahren kontinuierlich mehr Vorstellungen in mehr Länder, und schon von 1931 datiert auch die erste Dokumentation auf physischem Tonträger, ein Mozart-Requiem auf Schellack (Orfeo C 396951). Seit 1992 entschieden sich die Festspiele, gemeinsam mit dem ORF aus den Archiven besonders wertvolle und historisch relevante Aufnahmen als „Salzburger Festspieldokumente“ zu veröffentlichen, und ORFEO ist stolz, einen großen und nachhaltigen Anteil daran zu haben – ORFEO hält als einzige beteiligte Firma gemäß seiner Philosophie alle veröffentlichten Titel lieferbar. Für eine Institution wie die Salzburger Festspiele mit ihrem Anspruch, vieles vom Besten aus dem heutigen Musikleben in Konzert und Oper zu präsentieren, bedeutet diese Dimension der dauerhaft dokumentierten historischen Aufnahmen eine höchst reizvolle Vertiefung der künstlerischen Perspektive. Angesichts der großen Umbrüche im Musikleben und Musikmachen der letzten Jahrzehnte erlaubt die Vergegenwärtigung der großen Umbrüche auch schon früher anregende Rückschlüsse in viele Richtungen.
C 938 172 I
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C 939 171 B
C 939 171 B
C 941 171 B
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C 942 171 B
C 942 171 B
C 943 171 B
C 943 171 B

So ist es von herausragendem Interesse, nun erstmals das Solo-Debüt des damals 27-jährigen Daniel Barenboim mit einem reinen Beethoven-Programm nachhören zu können, der heute eine wandelnde Instanz des Musiklebens in so vielen Gattungen wie niemand sonst ist und trotz seiner „erst“ 74 Jahre auch von einer historischen Tiefe der Zeitgenossenschaft und Nachfolge älterer Traditionen wie kein anderer. Damals stand Barenboim jedoch erst am Anfang der Entfaltung seiner vielen weiteren Aktivitäten und auf dem Zenit einer noch mehr auf das Klavier konzentrierten Karriere. Innerhalb des im damaligen Musikleben stattfindenden Generationen-Umbruchs behauptet sich der Debütant glanzvoll und selbstbewusst, mit beachtlicher pianistischen Eloquenz, aber vor allem höchsten musikalischen Tugenden: der Fähigkeit zur Spannungserzeugung wie meditativer Verinnerlichung, weitestreichender Disposition, sehr großer Dynamikskala und verblüffender Gesanglichkeit, die einen heute noch in den Bann schlägt, beim atemberaubenden langsamen Satz von op. 10 Nr. 3 ebenso wie einer Waldstein-Sonate mit tollkühn weitgespanntem Finale und einer op. 111 mit himmlischen Längen in der Arietta.
Fünf Jahre früher trat zum ersten und letzten Mal der damals mit 45 Jahren schon legendäre Arturo Benedetti Michelangeli bei den Festspielen auf, und der ausnahmezustandhafte Sonderfall seines Auftritts zeigt sich auch daran, dass der Einzelgänger die Aufnahme und Übertragung der zweiten Konzerthälfte streng und erfolgreich untersagte. Es passt sicherlich mehr als bei jedem anderen Pianisten, dass eines der wenigen Bach-Stücke aus seinem öffentlich vorgeführten Repertoire die hier wiedergegebene Bach-Chaconne für Violine ist – ein Instrument, das Benedetti Michelangeli selber studiert hatte, und das er erklärtermaßen in seiner eigenen hochentwickelten Klaviertechnik versuchte nachzuahmen – hier in der Bearbeitung von Ferruccio Busoni. Ohnehin ist es wieder einmal aufregend, wie verschieden die äußerst durchdachten Interpretationen des sehr begrenzten öffentlich dargebotenen Repertoires jeweils ausfallen, und wie keineswegs zurückhaltend, sondern durchaus extrem zupackend der Maestro sich zuweilen zu spielen erlaubte. Entwaffnend die Vollendung, mit der hier die brillante Beethoven-Sonate op. 2 Nr. 3 serviert wird, dabei draufgängerisch virtuos.
Eine der großen faszinierenden Sängerpersönlichkeiten ihrer Zeit war die Bayreuther „schwarze Venus“ Grace Bumbry, die ihren riesigen darstellerischen Ambitus bei den Salzburger Festspielen mit einer ebenso packenden Lady Macbeth des Wagner-Antipoden Verdi unter Beweis stellte (Orfeo C 843112), wie hier auf ganz anderem Terrain mit einem anspruchsvollen reinen Liedprogramm des Wagner-Antipoden Brahms; in einem liederabendfreundlicheren Klima als heutzutage, aber auch ein Jahrzehnt ante Jessye Norman.
Eine prägende, wahrhaft große Instrumentalistenfigur des Musiklebens ist gewiss der Cellist Heinrich Schiff gewesen, der letztes Jahr verstarb und nicht angemessen auf CDs repräsentiert ist. Hier ist er in seiner prallen, draufgängerischen Musikalität mit einem Partner von selten zu hörender Ebenbürtigkeit zu erleben, bei drei Hauptstücken des Cellorepertoires, der Sonate op. 40 von Schostakowitsch, und der mittleren von Beethoven sowie der letzten von Brahms.
Ein weiteres Monument unserer Zeit ist sicherlich der sehr große Opern-Dirigent James Levine. Hier ist er mit 34 Jahren in einer Ponnelle-Produktion von – passend zum diesjährigen Programm – Mozarts letzter Oper La clemenza di Tito zu erleben, in einer spannenden Umbruchzeit: kurz bevor stand damals der epochemachende Wandel, den wir mit dem Namen Harnoncourt verbinden und der bemerkenswerterweise mit Mozarts anderer „opera seria“ Idomeneo begann. Doch überzeugt und überwältigt „Jimmy“ Levine mit einer vitalen, „vollen“, klugen Darstellung, nicht zuletzt wegen eines absolut angemessenen Sängerensembles und bestens aufgelegten Wiener Philharmonikern, so dass man sich einmal mehr staunend fragt, ob es nicht doch vor der vermeintlichen „Rettung“ und „Wiederentdeckung“ schon sehr, sehr gute Aufführungen gab von solchen auch heute noch als herausfordernd geltenden Werken.



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August 2017

ORFEO 1 CD C 935 171 B

Bayreuther Festspiele 1963

Die berühmte „klassische“ Ausnahme vom Kanon der zehn großen Werke Wagners, die auf dem Grünen Hügel erklingen darf, geht bekanntermaßen auf den Meister selbst zurück: C 935 171 B
C 935 171 B
Beethovens 9. Symphonie.
Die berühmteste Aufnahme eine der seltenen Bayreuther Aufführungen ist das legendäre Wiedereröffnungskonzert der Bayreuther Festspiele nach dem Krieg von 1951 unter Wilhelm Furtwängler, von Orfeo erstmals offiziell und ungeschnitten gemeinsam mit den Bayreuther Festspielen 2008 veröffentlicht (C754081). 1954 dirigierte Furtwängler die Neunte ein zweites Mal (ORFEO C851121).
Viel weniger bekannt und hier erstmals als Mitschnitt veröffentlicht ist eine Aufführung unter Karl Böhm 1963 anlässlich des 150. Geburtstags und 80. Todestags Richard Wagners. Was man hier erlebt, ist ein musikalischer Generationenwechsel: Böhm hatte im Vorjahr mit Tristan debütiert, den er auch 1963 fortführte, im Jahr darauf übernahm er zusätzlich die Meistersinger, 1965 den Ring und wurde damit einer der prägenden Dirigenten des Bayreuths der 60er Jahre. Böhm wählte eine von Wagner in der Instrumentation stellenweise retuschierte Fassung und eine stattliche Chorbesetzung von 217 Sängern – doch ist er Welten entfernt von dem pathetischen, impulsiv-überschwänglichen Interpretationsstil Furtwänglers im Jahrzehnt zuvor. Böhm dirigiert ungemein konzentriert, gesammelt, stringent fortschreitend und dadurch zugleich befreiend und auf einer anderen Ebene packend – nicht zuletzt mithilfe eines glanzvollen Solistenquartetts – Gundula Janowitz, Grace Bumbry, Jess Thomas und George London - mehrerer der besten Stimmen des Bayreuths dieser Jahre.
Eine sehr gute Gelegenheit, sich angesichts der erheblichen Veränderung des Musizierstils in den allerletzten Jahrzehnten, die Tugenden der unmittelbar vorangehenden vor Ohren zu führen...

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